Landkreis Neunkirchen (Hg.), Lebenswege jüdischer Mitbürger, Neunkirchen 2009, Preis € 18,90

 

(Bei Bestellung bei Hans-Joachim Hoffmann fließt der Erlös dem Stadtgeschichtlichen Museum Ottweiler zu.)

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Die Aufsätze dieses Sammelbandes zeigen an Einzelschicksalen auf, wohin Politik und Erziehung führen können, wenn sie sich nicht mehr dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen, sondern einer einseitigen Ideologie verhaftet sind, die ohne moralische und ethische Grundsätze egoistische Zielsetzungen verfolgt: Sie finden in dieser Publikation Beispiele menschlicher Niedertracht und kaum zu überbietender Tragik, aber auch Biographien, die menschliche Größe dokumentieren. Den Lesern soll des Weiteren bewusst werden, dass Menschen zwar aus ihrer Heimat vertrieben werden können, dass sie aber die Kultur ihrer Heimat in der Fremde bewahrten und an ihre Kinder und Kindeskinder trotz aller Demütigungen und Verluste weitergaben, wie ich dies Anfang Januar aus England erfuhr: Bei den Trauerfeierlichkeiten am 12. Juli 1996 zu Ehren von Henny Nussbaum- Coblenz (1901 – 1996) trugen ihre in England geborenen Enkel Mozarts „Kleine Nachtmusik" sowie die Gedichte „Das Göttliche" von Johann Wolfgang Goethe und „Stufen" von Hermann Hesse vor.


Herr Stefan Friedrich führt uns in seinem Beitrag „Theobald Lion und seine Familie in Spiesen" vor Augen, dass die Familie Lion über einen Zeitraum von 150 Jahren das kommunale und gesellschaftliche Leben in Spiesen mitgestaltete, bis der Nationalsozialis-mus die Juden Spiesens zur Auswanderung zwang; die Emigration in das benachbarte europäische Ausland bedeutete aber für mindestens 14 in Spiesen geborene Juden eine tödliche Falle, denn mit dem Vorrücken der deutschen Truppen in Luxemburg, Frankreich und Holland verbunden war auch die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in diesen Gebieten.


Herr Franz Josef Schäfer skizziert „Das Schicksal der Familien Weiler aus Merchweiler", wobei er auf die Gewerbetätigkeit der Merchweiler Juden ebenso eingeht wie auf ihre Beteiligung am politischen Geschehen und am Vereinsleben. Anschließend beschreibt er den Aufstieg der NSDAP in seinem Heimatort ab 1927 bis 1935 und gibt „Erinnerungen Merchweiler Bürger an ihre jüdischen Mitbürger" das Wort, bevor er uns einen Eindruck von den „Plünderungen und Misshandlungen von Merchweiler Juden in der Reichspogromnacht 1938" vermittelt, die im September 1949 in den Synagogen-brandprozessen ein gerichtliches Nachspiel fanden. Im abschließenden Teil geht Herr Schäfer auf „Die Deportation der Merchweiler Juden nach Gurs am 22. Oktober 1940" ein.


In einem zweiten Beitrag ruft Franz Josef Schäfer Heinrich Grein, ein(en) in Vergessenheit geratene(n) Sozialist(en) und Reformpädagogen", der am Real-gymnasium Neunkirchen von 1905 – 1935 die Fächer Englisch, Französisch und Philosophische Propädeutik lehrte, in Erinnerung, indem er seine Aktivitäten auf politischer Ebene und seine Unterrichtstätigkeit in Neunkirchen darstellt. Dabei entsteht das Bild eines überzeugten Sozialisten und Pazifisten, der sich darum bemühte, Schule zu demokratisieren, indem er u.a. den kirchlichen Einfluss im schulischen Bereich bekämpfte. 1935 stellte Grein, Anhänger des Status quo, den Antrag auf Versetzung in Ruhestand unter Hinweis auf die veränderte politische Situation, dem auch entsprochen wurde. Während des Krieges fand er Unterschlupf in Hamburg, kehrte nach dem Ende des Krieges an die Saar zurück und starb - - völlig vergessen - 1952 in Saarbrücken.


Beispiele menschlicher Niedertracht – ein anderer Begriff fällt mir dazu nicht ein – finden sich in den Beiträgen von Herrn Michael Landau und Herrn Hans Günther Maas.


Michael Landau spricht zunächst in seinen Aufsatz „Ein Jude ist ein Jude und muss aus Deutschland verschwinden – Die letzte Deportation aus dem Saarraum im März 1945" ein nahezu völlig unbekanntes Ereignis an: Während die Amerikaner bereits in unserer Region vorrücken und z. B. am 19. März Ottweiler einnehmen, erfolgt zeitgleich noch die Verhaftung jüdischer Bürger und ihre Deportation in das KZ Theresienstadt. Zu diesen Deportierten zählte auch Frau Camilla Fleck aus Tholey, die die Deportation überlebte und die in einem Interview die damaligen Ereignisse Revue passieren lässt. Die beigefügten Dokumente verdeutlichen einerseits die juristische Rechtfertigung der Deportationen, zeigen andererseits aber auch in erschreckendem Maße die menschliche Niedertracht, mit der Bewohner einer kleinen Landgemeinde ihre jüdischen Mitbürger diffamierten und in die Vernichtung trieben.


Auch die Darstellung „Tempo, Tempo! Raus, nach Palästina! – Antisemitismus in der Bürgermeisterei Eppelborn", verfasst von Herrn Hans Günther Maas, verdeutlicht an den „Anfeindungen gegen Viktor Gottschalk und seine Familie" sowie den „Anfeindungen gegen die jüdische Familie Silbermann/Theis", dass alle Bemühungen dieser Familien, sich in das dörfliche Leben einzugliedern, durch Diffamierung und Hetze des nationalsozialistischen Umfeldes zunichte wurden. Herr Maas spricht auch die unterschiedliche Beurteilung der Anfeindungen nach 1945 an: Während Maria Theis 1948 eine Anerkennung als Opfer des Faschismus erreichte, wurde der entsprechende Antrag Viktor Gottschalks 1949 abgelehnt.


Die jüdische Familie Haas und das Pogrom vom 10.11.1938 in Schiffweiler", der Beitrag von Herrn Bernhard W. Planz und Herrn Guido Jung, führt uns die Schutzlosigkeit der jüdischen Familie Haas in Schiffweiler vor Augen, gegen die sich die Pogromstimmung mangels einer Synagoge im Ort richtete. Ein Anhang dokumentiert die juristische Aufarbeitung der Ausschreitungen ab 1946.


Die vielleicht tragischste Episode schildert Herr Robert Kirsch: „Nicht nur die Heimat verloren – Die Tragödie der Familie Lazar." Die alteingesessene Illinger Familie Lazar emigrierte zunächst nach Nyon, wo sie gemeinsam mit anderen Illinger und Homburger Juden eine Synagogengemeinde begründete. Mit dem Überfall Hitlers auf Frankreich brach aber die Tragödie über die Familie herein: Die Sicherheit, im nicht besetzten Teil Frankreichs eine neue Heimat gefunden zu haben, erwies sich 1944 als trügerisch: Am 21. Januar 1944 drang die Gestapo gewaltsam in die Wohnung Lazars ein. „Ludwig Lazar, der glaubte, dass sie ihn suchten, konnte sich im Kleiderschrank retten und so seiner Verhaftung entgehen. Die Häscher nahmen aber dann seine Frau und die vier Kinder mit und verschleppten sie in das französische Konzentrationslager Drancy, von wo sie am 3. Februar 1944 nach Auschwitz deportiert wurden." – Ludwig Lazar emigrierte nach dem Krieg in die USA, starb jedoch bald - innerlich zerbrochen - am Schicksal seiner Familie.


Dr. Dieter Wolfanger würdigt „Dr. Ernst Blum (1901 – 1970). Ein(en) saarländische(n) Jude(n) aus Wellesweiler.", der trotz seiner Erblindung 1911 in Folge eines Unglücks nie seinen Lebensmut verlor, deshalb auch eine erfolgreiche Berufslaufbahn als Jurist einschlagen konnte, bis 1935 seine berufliche Existenz durch die Zwangspensionierung vernichtet wurde, wodurch der Familie auch die private Lebensgrundlage entzogen war. Mit diesem Jahr beginnt die Odyssee der Familie durch Frankreich, die mit der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten 1944 ihr Ende fand. Mit der Rückkehr ins Saarland verbunden war auch die Wiedereingliederung Dr. Blums in das Berufsleben, wobei er sich insbesondere für seine Leidensgenossen, die Erblindeten und die jüdischen Glaubens-genossen, einsetzte. Dieses sozialpolitische Engagement fand seine Anerkennung in zahlreichen Ehrungen, von denen ich an dieser Stelle nur die Verleihung des Leo Baeck- Preises durch den Zentralrat der Juden in Deutschland 1965 ansprechen möchte, mit dem sein Engagement für den Neuaufbau des jüdischen Lebens im Saarland und die Hilfen für die Blinden in Israel gewürdigt wurde.


Spurensuche: Zu lehren gab ich in dein Herz – Samuel Levy (1805 – 1879) und Dr. Felix Coblenz (1863 – 1923)" – So betitelte ich nach dem Grabspruch von Bernhard Coblenz meinen Beitrag zu diesem Sammelband. Die biographische Skizze zu Samuel Ley thematisiert die Bemühungen des Leiters der jüdischen Elementarschule Ottweiler in seiner fünfzigjährigen Tätigkeit hier in unserem Ort, die jüdische Schule als öffentliche Schule anerkennen zu lassen. Dafür nahm er eine Vielzahl von Unannehmlichkeiten in Kauf: Er führte eine ständige Auseinandersetzung mit der jüdischen Gemeinde und den staatlichen Behörden um die Finanzierung der Schule und seiner Wohnung sowie um eine angemessene Bezahlung. Sein Ziel war die Anerkennung der Gleichberechtigung der jüdischen Schule und damit der jüdischen Religion mit der evangelischen und katholischen Schule bzw. Religion, zumindest auf lokaler Ebene. Dieses Ziel konnte er jedoch nicht erreichen, legte aber in seinem Elementarunterricht die Grundlagen dafür, dass aus der jüdischen Familie Coblenz zwei bedeutende Vertreter des Reformjudentums hervorgingen: Bernhard Coblenz übernahm als erster Jude überhaupt die Leitung einer öffentlichen jüdischen Schule in Deutschland, derjenigen in Köln 1901, und sein Bruder Felix Coblenz stieg über die Stationen Siegen – Bielefeld auf zum Leiter der Jüdischen Reformgemeinde Berlin. Das Bestreben ihres Elementarlehrers Samuel Levy, auf lokaler Ebene die Gleichberechtigung deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu erreichen, verfolgte insbesondere Dr. Felix Coblenz für das Judentum Deutschlands in seiner Gesamtheit.


Herr Max Rosar und Herr Reinhold Strobel skizzieren das Leben des Auschwitz- Überlebenden Alex Deutsch, dem das Adolf-Bender-Zentrum auch eine Ausstellung widmet, die zur Zeit im ehemaligen KZ Auschwitz gezeigt wird. Dieser Beitrag zeigt auf, dass die Bemühungen von Herrn Alex Deutsch auf Resonanz stoßen, dass es Institutionen und Personen gibt, die seine Intention umzusetzen versuchen:
Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, als Deutscher jüdischen Glaubens und als Auschwitz-Überlebender, mit der Jugend in Schulen und Organisationen zu sprechen, ihr meine Erfahrungen näher zu bringen, was Menschen durch Haß und Wahn anrichten können. Es darf nie vergessen werden. Wer auch immer eine Gedenkstätte des Grauens besucht, muß angsterfüllt nachdenken, wo Grenzen des Hasses liegen.
Meine Bitte an die jungen Menschen lautet: „Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen! Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander!"