Erinnerungskultur - Hans-Joachim Hoffmann: WO GIBT/GAB ES IM SAARLAND HEIDENFRIEDHÖFE?

 

Die letzte VLS-INFO verwies u.a. auf die „Feierliche Übergabe des Wahlschieder „Heidenfriedhofs“ am 21. Mai 2022“ und die aus diesem Anlass erfolgte Veröffentlichung von Klaus Ollinger. Die „Saarbrücker Zeitung“ nahm in der Ausgabe vom 22.05.2022 darauf Bezug; Fredy Dittgen, der Verfasser des Presseartikels, eröffnete seine Darstellung mit dem Satz: „Der ‚Heidenfriedhof‘ im Heusweiler Ortsteil Wahlschied ist einzigartig im deutschsprachigen Raum, vielleicht in ganz Mitteleuropa.“

Diese Feststellung trifft jedoch nicht zu, denn zumindest in Ottweiler existiert auch ein „Heidenfriedhof“, hier jedoch benannt als „paritätischer Friedhof“ oder „kommunaler Friedhof“, der direkt neben dem jüdischen Friedhof liegt. Bei den Führungen über den jüdischen Friedhof tauchte auch immer wieder die Frage auf: Was hat es mit dem danebenliegenden Friedhof auf sich, auf dem noch einige Grabsteine erhalten sind? Dazu müssen wir einen Blick in die Ottweiler Lokalgeschichte zurückwerfen.

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Über Jahrhunderte bestatteten die katholische und evangelische Kirche die Verstorbenen auf den der jeweiligen Kirchengemeinde gehörenden konfessionellen Friedhöfen. Nach dem Ersten Weltkrieg konstituierte sich im Zuge der politischen Umgestaltung spätestens 1920/21 eine Ortsgruppe der Kommunistischen Partei Deutschlands. Aufgrund ihrer atheistischen Ideologie kam es offensichtlich dazu, dass sich die Vertreter der christlichen Kirchen weigerten, verstorbene Mitglieder der KP auf den konfessionellen Friedhöfen zu bestatten. Dies veranlasste Karl Sticher, den Sprecher der Stadtratsfraktion der KP, in der Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung am 26. Juli 1921 den Antrag zu stellen, einen „paritätischen Friedhof“ anzulegen. Zur Vorbereitung der Anlage dieses „paritätischen Friedhofs“ berief die Versammlung eine Kommission, um die damit verbundenen Fragen zu klären. Letztlich blieb dem Begehren der KP jedoch die Erfüllung ihres Wunsches versagt. Es sollte noch bis 1951/52 dauern, bis ein kommunaler Friedhof neben dem jüdischen Friedhof „Auf dem Burg“ angelegt wurde.
Im Zusammenhang mit den Haushaltsberatungen des Stadtrates am 22. März 1949 wies der Beigeordnete Hermann Schmidt auf ein Problem bei der Bestattung hin:
Da „kein gemeindeeigener Friedhof vorhanden sei, sei in der Stadt Ottweiler für die Dissidenten und Feuerbestattler, insbesondere für Personen, die keiner Religionsgemeinschaft angehörten, ein Mißstand eingetreten dergestalt, daß den betreffenden große Schwierigkeiten bei der Beerdigung gemacht würden. Schmidt führte aus, daß sich die einzelnen Kirchengemeinden sogar schon bei Vorhandensein einer Leiche nicht bereit erklärt hätten, die Beerdigung durchzuführen. Erst nach Verhandlungen habe man die Leichen in der sogenannten Hundsecke unterbringen können. [...]. Schmidt stellte den Antrag, [...], daß die Dissidenten in Zukunft bei Beerdigungen gleichfalls wie die Angehörigen einer Religionsgemeinschaft einen ehrenvollen Platz auf dem Friedhof erhalten.“ (Sitzungsprotokoll vom 22.März 1949)
Nur zögernd griff die Stadtverwaltung diesen Antrag auf, denn der Stadtrat fasste erst am 08.12.1950 den Grundsatzbeschluss zu Größe und Kosten des kommunalen Friedhofes. In der Sitzung vom 19.12.1951 verabschiedete der Stadtrat die Friedhofssatzung, so dass wahrscheinlich Anfang 1952 die erste Bestattung auf dem kommunalen Friedhof stattfand.
Der „paritätische Friedhof“ erinnert an die Ausgrenzung einer Bevölkerungsgruppe wegen ihrer parteipolitischen Orientierung. Obwohl Angehörige der Ortsgruppe der KP Ottweiler ihren Beitrag zur Entwicklung des Ortes geleistet haben, als Stadtverordnete Entscheidungen für die Einwohner trafen, stießen sie selbst angesichts des Todes auf Ablehnung der christlichen Kirchen vor Ort, die ihnen eine würdige Bestattung verweigerten.

Für die Lokalgeschichte von Interesse ist m. E. daher die Frage:
In welchen Orten des Saarlandes existier(t)en ebenfalls sog. „Heidenfriedhöfe“?
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