Neue Informationen aus der „Grenzsteinforschung“

 

Wenn Grenzsteine reden könnten, könnten sie so manches erzählen. Wohl auch der Grenzstein 205, der im Saarland-Museum in Saarbrücken zu sehen ist. Lange war unklar, wo er herkommt. Jetzt nicht mehr. Wie das Rätsel gelöst wurde, das erzählte der Heimatforscher Hans Kirsch aus Selchenbach jetzt in einem SZ-Artikel der Lokalausgabe St. Wendel
Schon immer haben Menschen ihre Besitztümer von anderen Menschen abgegrenzt. Die erste bekannte Grenzkarte aus unserem Gebiet hat der Karthograph Tilemann Stella aus Zweibrücken im Jahr 1564 gefertigt. Aus dem Jahr 1603 stammen Grenzsteine, die das Fürstentum Nassau-Saarbrücken und das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken abgrenzten. Einige dieser Steine sind heute noch vorhanden, ihre ursprüngliche Anzahl ist jedoch unbekannt. 1756, ein Jahr nach dem sogenannten „Homburger Austausch“, wurde diese Grenze neu abgemarkt. Die Steine bildeten eine Grenzlinie von Rohrbach/Spiesen bis nach Werschweiler/Niederkirchen im Ostertal. Der Endstein der Linie, ein Dreiherrenstein, der die Nummer 218 trägt, steht heute noch oberhalb des Wendelinushofs bei St. Wendel.
Ein anderer Grenzstein aus dieser Linie steht im Saarland-Museum in Saarbrücken. Lange Zeit hatte er im Depot in einem dunklen Keller gelegen. Erst als die Alte Sammlung in das ehemalige Saarbrücker Kreisständehaus umgezogen war, stellte man ihn am Eingang zur obersten Etage auf und machte ihn so den Besuchern zugänglich. Da man jedoch über die Vergangenheit des Steins offenbar nur wenig wusste, stand auf einer Erklärungs-Tafel nur ein Wort: „Grenzstein“. Zu den Museumsbesuchern, die den historischen Grenzstein näher in Augenschein nahmen, gehörte auch der passionierte Grenzsteinforscher Roland Schmitt aus Eschringen.

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Das auf der einen Hauptseite des Steins eingemeißelte Wort „NASSAU“ mit zweigestrichener Wolfsangel sowie das auf der anderen Hauptseite eingehauene Wort „PFALTZ“ bestätigten dem Betrachter schnell, dass der Stein aus der Grenze Nassau-Saarbrücken/ Pfalz-Zweibrücken stammte. Außerdem war auf der linken Seite die Jahreszahl 1756 als Zeit der Steinsetzung zu erkennen. Zusätzlich gab es aber noch weitere Zahlen, Buchstaben und Zeichen, die zu deuten waren: An der rechten Seite die Zahl 205, darüber ein gespiegeltes „D“, darunter ein gespiegeltes „S“. Und auf der linken Seite, unter dem Jahr der Steinsetzung, noch die Ziffer „N 906“.
Was bedeuteten diese zusätzlichen Zeichen, und vor allem: Geben sie Hinweise auf den ursprünglichen Standort des Museumssteins? Bekanntlich besitzen die Grenzen von Territorien keine Ewigkeitsgarantie. Gerne benutzte man deshalb in der Vergangenheit bei Neuabgrenzungen auch bereits vorhandene Grenzsteine, die man entweder ergänzte oder neu bearbeitete. Oft wurden auch Inschriften oder Zeichen aus anderen, auch späteren Grenzziehungen, zum Beispiel bei Abmarkungen von Gemeinde- oder Waldgrenzen, auf den Landesgrenzsteinen untergebracht. So konnte es über die Jahrhunderte dazu kommen, dass sich auf einem Stein eine größere Anzahl von Wörtern, Buchstaben, Nummern oder anderen Zeichen ansammelten, die dem späteren Betrachter dann oft Rätsel aufgaben.
Im Falle der Grenze zwischen Nassau-Saarbrücken und Pfalz-Zweibrücken änderte sich diese nach dem Wiener Kongress (1815) in eine Grenze zwischen dem mittlerweile preußischen Saargebiet und der nunmehr bayerischen Pfalz. Wo neue Grenzsteine verwandt wurden, erhielten diese auf saarländischer Seite das Zeichen „KP“ für „Königreich Preußen“, auf pfälzischer Seite „KB“ für „Königreich Bayern“, dazu jeweils eine fortlaufende Nummer. Bei schon vorhandenen Steinen wurde mindestens die fortlaufende Nummer hinzugefügt, manchmal auch die Initialen.
Die nächste Änderung der Grenze erfolgte nach dem Ersten Weltkrieg, nachdem 1920 im Versailler Vertrag das Saargebiet von Deutschland abgetrennt und unter Verwaltung des Völkerbundes gestellt worden war. Neue wie bereits vorhandene Grenzsteine erhielten die Zeichen „S“ für Saargebiet und „D“ für Deutschland, dazu wieder eine fortlaufende Nummer.
Welche Schlüsse zog Roland Schmitt nun aus den zum Teil gut, zum Teil aber auch weniger gut lesbaren Buchstaben und Zahlen auf dem Saarbrücker Museumsstein? Bei seinen Überlegungen zog Schmitt den von Günter Gensheimer im Auftrag der Kreisstadt Neunkirchen erstellten Flyer „Der Grenzsteinweg von 1756 im Forbacher Wald“ zu Rate. Dieser weist aus, dass zwischen dem Hofgut Menschenhaus und der Siedlung Bayerisch Kohlhof auf etlichen Steinen aus der Linie von 1756 mehrere Nummern und Zeichen eingehauen sind. So steht auf einem Stein die Nummer 204, auf dem nächsten, der etwas weiter entfernt ist, die Nummer 206. Daraus schloss Schmitt, dass dazwischen früher ein Stein mit der Nummer 205 gestanden habe. Diese Überlegung ließ ihn annehmen, dass der Saarbrücker Museumsstein, der ja eine Nummer 205 aufweist, ursprünglich hier seinen Platz hatte. Da aber die letzte Sicherheit fehlte, forderte Schmitt die Besucher seiner Webseite „Alte Grenzsteine.de“ auf, neue Erkenntnisse oder Interpretationen in dieser Angelegenheit ihm mitzuteilen.

Dieser Aufforderung folgte nun vor einiger Zeit ein Grenzsteinkenner aus dem Ostertal. Andreas Lang aus Niederkirchen, Vorstandsmitglied des Heimat- und Kulturvereins Ostertal, hatte bei der Durchsicht von Karten und Grenzprotokollen zur Saargebietsgrenze von 1920, die zum Teil im Internet einsehbar sind, festgestellt, dass der Saargrenzstein Nr. 25 B vor der Setzung neu hergestellt worden war, im Gegensatz zu den Nachbarsteinen. Der Vorgängerstein war also nicht mehr vorhanden gewesen. Aus den Unterlagen ergab sich jedoch die Nummer des Vorgängersteins: Es war die Nr. 906. Diese Nummer stammte allerdings aus einer Grenzabmarkung, die 1845 durch den preußischen Kreis St. Wendel und den bayerischen Bezirk Kusel veranlasst worden war.
In der Grenze Nassau-Saarbrücken/Pfalz-Zweibrücken von 1756 hatte der Originalstein, der vorher an dieser Stelle gestanden hatte, die Nr. 205 getragen. Damit gab es hier zwei Übereinstimmungen mit dem Grenzstein im Saarland-Museum: Dort ist sowohl die Nr. 205 (aus der Abmarkung 1756) wie die Nr. 906 (aus der preußisch-bayerischen Abmarkung 1845) eingehauen. Das bedeutet, dass der Museumsstein ursprünglich an der Stelle gestanden hatte, wo heute der Saargebietsstein Nr. 25 B steht: an der Grenze zwischen Werschweiler und Saal im Ostertal, am Rande der Werschweiler Hirtenstraße. Die Nr. 205 auf dem (nicht mehr vorhandenen) Stein beim Hofgut Menschenhaus dürfte aus einer zusätzlichen Markierung aus bislang unbekanntem Anlass stammen.
Die Erkenntnisse überzeugten auch Roland Schmitt, der erfreut feststellte: „Das Rätsel des ‚unbekannten Grenzsteins‘ ist nun endlich gelöst.“