Neues vom Historischen Museum Saar - „Monumente des Krieges“

Der Saarbrücker Rathauszyklus Anton von Werners und unser Bild vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71

 

Das Historische Museum Saar präsentiert erstmals seit 76 Jahren wieder die Werke des Saarbrücker Rathauszyklus Anton von Werners. Es setzt sich am Beispiel der Historienmalerei zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kritisch mit der Inszenierung und Instrumentalisierung von Krieg und Nation auseinander. Dabei arbeitet das Museum mit fast 20 deutschen und französischen Partnern und Leihgebern zusammen. Eine große Vielfalt an Quellen und Medien wird dabei einbezogen, unter anderem Druckgrafiken, Depeschen und Zeitungsberichte, Memoiren, Feldpostbriefe und auch das moderne Massenmedium des Kriegspanoramas als Vorläufer des Kinos sowie die noch junge Fotografie.
Mit der Öffnung des Historischen Museums Saar am 19.03.2021 können Besucherinnen und Besucher nun auch die neue Sonderausstellung „Monumente des Krieges. Der Saarbrücker Rathauszyklus Anton von Werners und unser Bild vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71“ besichtigen. Die Ausstellung thematisiert den Krieg mit dem Fokus auf den Grenzraum von Wörth über Bitche, Spichern bis Sedan. Es war einer der ersten modernen Kriege. Neue Waffen wie die Mitrailleuse und die Artillerie führten zu hohen Verlusten und fürchterlichen Verwundungen. Zitate von deutschen und französischen Kriegsteilnehmern, von Ärzten und Geistlichen belegen die Brutalität des Krieges und stehen im Kontrast zur nachträglichen Idealisierung und Glorifizierung der Ereignisse in den meist in öffentlichem Auftrag entstandenen Bildmedien der folgenden Jahrzehnte, die auch unsere heutige Wahrnehmung beeinflussen.
Im Zentrum der Ausstellung steht aber die Inszenierung und nationale Instrumentalisierung des Krieges und der Reichsgründung in der Historienmalerei am Beispiel der monumentalen Werke des Saarbrücker Rathauszyklus Anton von Werners. Dieser hatte die sieben Gemälde im Auftrag des preußischen Kultusministeriums für einen Anbau des Alt-Saarbrücker Rathauses geschaffen, der 1880 eingeweiht wurde. Ziel war es, die Region am äußersten Rand der preußischen Rheinprovinz an das Herrscherhaus zu binden und Patriotismus zu befördern.
Mit dem Gemälde „Sturm auf den Spicherer Berg“ ordnete von Werner das lokale Ereignis einer blutigen, im Rückblick aber militärisch unbedeutenden Schlacht vor den Toren Saarbrückens, in den Rahmen der übergeordneten Nationalgeschichte ein. Spichern wurde so zu einem nationalen Mythos verklärt. Das im ursprünglichen Auftrag gar nicht vorgesehene und durch von Werner ergänzte Gemälde „Victoria“ betont die Funktion des Saarbrücker Rathaussaales als nationales preußisches Denkmal. Es stellt die Vereinigung der nord- und süddeutschen Staaten 1871 im neuen Deutschen Kaiserreich dar und den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg als Fundament dieser Einigung. Großformatige Porträts der wichtigsten Protagonisten wie König Wilhelm, Bismarck und Moltke gehörten ebenfalls zum Bildprogramm.

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Anhand von historischen Fotos hat das Museum den Rathaussaal virtuell rekonstruiert. In der Ausstellung wird die Inszenierung aber aufgebrochen. Die Gemälde hängen nicht mehr in Ihrer ursprünglichen Anordnung und rund 1,5 Meter tiefer. Die Projektion der Pop-Art-Interpretation der Werke des Saarbrücker Rathauszyklus durch den Künstler Moritz Götze an die Decke der Ausstellungshalle bricht das ursprünglich intendierte Pathos der Gemälde. Zu sehen sind auch zahlreiche Vorzeichnungen, die Anton von Werner 1876 und 1878 in Saarbrücken anfertigte. Das größte Gemälde des Bilderzyklus wird bis Oktober 2021 live im Untergeschoss restauriert und es ist in der Ausstellung durch das Vorgemälde aus dem Deutschen Historischen Museum vertreten. Nach der Ausstellung und Restaurierung werden die Gemälde im Museumsdepot aufbewahrt.
Weitere Themen der Ausstellung sind das Sanitätswesen, die Orte patriotischer Erinnerung und die mediale Überlieferung des Krieges, bis hin zu den Panoramen, das heißt Rundgemälden, die den Betrachter in das Geschehen hineinversetzen und die als Massenmedien Vorläufer des Kinos waren. Aufgrund eines Hinweises französischer Kollegen konnte das Museum im Jahre 2020 entdeckte Fotos des Spichern-Panoramas scannen und dieses rekonstruieren. Am Ende der Ausstellung wird aufgezeigt, wie sich seit dem Deutsch-Französischen Krieg die Bilder von der jeweiligen Nachbarregion verändert haben. Außerdem wird ein kurzer Überblick über die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen bis zum Vertrag von Aachen gegeben.
Zur Ausstellung wird im April im Conte Verlag ein Katalog erscheinen
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Bundesaußenminister Heiko Maas.
Wir danken unseren französischen Kolleginnen und Kollegen für die gute Zusammenarbeit trotz der Erschwernisse durch die Pandemie: der Association S.P.I.C.H., Spicheren, der Association Territoire 1870, der Conservation des Musées du Parc naturel régional des Vosges du Nord, der DRAC Grand Est - Conservation régionale des Monuments historiques, dem Französischen Generalkonsulat im Saarland, Saarbrücken, der Mairie de Stiring-Wendel, dem Musée Historique de la Ville de Strasbourg, dem Musée de la Bataille du 6 Août 1870, Woerth, dem Musée de la Guerre de 1870 et de l‘Annexion, Gravelotte, und dem Musée Westercamp, Wissembourg.
Gefördert durch den Förderverein für das Historische Museum Saar, das Ministerium für Bildung und Kultur Saarland, den Regionalverband Saarbrücken, Saartoto, die Willi Walch Stiftung und die Kultur Stiftung der Länder

Weitere Infos bei Reiner Jung Stellvertretender Direktor/ Directeur Adjoint / Deputy Director Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! +49 (0)681 506-4502

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