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Die Hessians im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776 - 1783)

Ein Buch der Autoren Holger Thomas Gräf, Andreas Hedwig und Annegret Wenz- Haubfleisch ist jetzt neu erschienen:
Die Hessians im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776 - 1783): Neue Quellen, neue Medien, neue Forschungen.

Im Staatsarchiv Marburg hütet Holger Thomas Gräf den größten Schatz der "Hessians". Es sind ganz persönliche, unzensierte Frontberichte aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Sechs Soldaten aus der Gegend um Kassel haben sie verfasst. Es sind rund 130 Briefe.

Über 230 Jahre lang lagen sie dann unbemerkt im nordhessischen Gilsa auf einem Dachboden. "Für mich war das eine einzige Sternstunde als ich die im Familienarchiv von Gilsa gefunden habe im März 2007", sagt Holger Thomas Gräf von der Historischen Kommission für Hessen und Mitverfasser eines gerade erschienenen Buches. "Es handelt sich ja um Privatbriefe, die eben normalerweise am staatlichen Archiv nicht landen, sondern in Privatbesitz sind und über die Jahrhunderte oft verloren gegangen sind." Der Adressat der Briefe war Kriegsrat Ernst von Gilsa. Aus dem Siebenjährigen Krieg kam er als Invalide zurück, konnte deswegen nicht mit nach Amerika fahren. Einer seiner Kameraden bedauerte das sehr: "Liebster Gilsa, Ihr Gedancke, bester Freund, mitzumarschieren, gefällt mir. Schon tausendmal dachte ich, warum blieb doch mein vortrefflicher Gilsa nicht beym Militär?"

Wie passt dieser liebevolle Ton zum grausamen Ruf der Hessians? Waren sie wirklich so blutrünstig? 1776 kämpften hessische Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der britischen Kolonialherren gegen die amerikanischen Freiheitskämpfer. Entgegen aller hartnäckigen Gerüchte: Die Hessians waren nicht zwangsrekrutiert, sondern extrem disziplinierte und professionelle Berufssoldaten - auch die Kameraden von Ernst von Gilsa! "Die kannten sich teilweise schon aus dem Siebenjährigen Krieg, waren teilweise also altgedient", so Gräf. "Und im Offiziersrang. Bürgersöhne, die Offizier wurden, haben damit ja gleichzeitig einen sozialen Aufstieg absolviert, das ging bis zur Erhebung in den Adelsstand."

Viele dienten aber auch schlicht aus reiner Not. Die hessische Bevölkerung war damals bitterarm. Die landwirtschaftlichen Erträge gering. Immer wieder drohten Hungersnöte. Von dem Geld, das die Soldaten nach Hause schickten, ist Ende des 18. Jahrhunderts so manches Fachwerkhaus rund um Kassel gebaut worden, heißt es. Auch Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel profitierte maßgeblich davon, dass er sein Heer an andere Staaten - neben Großbritannien zum Beispiel auch an die Niederlande - ja, verkaufte. Kaum zu glauben, aber Soldatenhandel war damals üblich und lukrativ! Auch das Staatsbad Wilhelmsbad in Hanau wurde mit Einnahmen aus dem Soldatenhandel gebaut. "Die hessischen Landgrafen, beziehungsweise Kurfürsten galten dann als die reichsten Fürsten im deutschen Reich insgesamt", so Gräf.

Damals war das Kurstädtchen Bad Karlshafen nördlich von Kassel das Tor zur Nordsee. Im März 1776 fuhren die ersten Soldaten von hier aus die Weser hinab, Richtung Bremen - 200 Jahre später aufwändig inszeniert in der hr-Produktion "Der Winter, der ein Sommer war." Fast 25.000 Hessians waren es am Ende, die über den Atlantik nach New York aufbrachen. Erst vier Monate später, im Juni, kamen sie an. Schon kurz darauf eroberten die "Hessians" große Flächen Land entlang der

2.500 Kilometer langen Ostküste. Gleichzeitig kämpften sie sich als die Bösen für 

immer ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner. Kaum dass es Kino gab, entstand ein Stummfilm. Darin töten die Hessians einen amerikanischen Kundschafter, essen und trinken, während der Tote daneben am Boden liegt. Die "Hessians" sind ein willkommenes Feindbild. Bis heute. "Entscheidend war", betont Gräf, "dass die amerikanische Presse daran gearbeitet hat, ein negatives Feindbild aufzubauen. Was Amerika auch dringend nötig hatte, wenn 13 Kolonien in den Aufstand eintreten, die eine sehr hohe Eigenidentität hatten, die sehr unterschiedlich waren, – und hier hat man die Hessen genutzt um ein gemeinsames Feindbild zu kreieren."

Doch nach nur sechs Monaten bekam der Mythos der Unbesiegbarkeit deutliche Kratzer: Am 26. Dezember 1776 verloren die Hessen bei Trenton eine entscheidende Schlacht. Die Amerikaner machten fast 1.000 Gefangene. Das war der psychologische Wendepunkt, sagt Gräf: "In den ersten Monaten nach Trenton hat man eben auch gemerkt, dass man diesen Krieg kaum gewinnen kann." Ja, die Stimmung der "Hessians" schlägt sogar um in eine regelrechte Bewunderung für die Amerikaner. "Ihr Enthusiasmus für die Freiheit wird täglich größer. Ich zweifle nicht, daß die americanische Nation andern Nationen nicht nur gleichkommen, sondern vorrücken wird," schreibt einer der Kameraden an Ernst zu Gilsa. Doch erst sechs Jahre später waren die Briten und damit auch die "Hessians" endgültig geschlagen.

An ihrem Ruf hat das nichts geändert. Ihr Einsatz im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ist wahrscheinlich das spektakulärste Kapitel hessischer Militärgeschichte.

Das Buch ist zu beziehen vom Verlag Historische Kommission für Hessen. 2014. ISBN-10: 3942225271 zum Preis von 28.00 Euro.